Category Archives: Martin Buber

מרטין בובר-Das Wort das gesprochen wird

Bild1

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MARTIN BUBER

A German  Lecture recording from 1962

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Martin Buber

8. Februar 1878  in Wien; † 13. Juni 1965  in Jerusalem

Martin Buber (Hebrew: מרטין בובר‎; February 8, 1878 – June 13, 1965) was an Austrian-born Israeli Jewish philosopher  best known for his philosophy of dialogue, a form of existentialism centered on the distinction between the I–Thou relationship and the I–It relationship.[1]  Born in Vienna, Buber came from a family of observant Jews, but broke with Jewish custom to pursue secular studies in philosophy. In 1902, he became the editor of the weekly Die Welt, the central organ of the Zionist movement, although he later withdrew from organizational work in Zionism. In 1923, Buber wrote his famous essay on existence, Ich und Du (later translated into English as I and Thou), and in 1925, he began translating the Hebrew Bible into the German language.

In 1930, Buber became an honorary professor at the University of Frankfurt am Main, but resigned in protest from his professorship immediately after Adolf Hitler came to power in 1933. He then founded the Central Office for Jewish Adult Education, which became an increasingly important body as the German government forbade Jews to attend public education. In 1938, Buber left Germany and settled in Jerusalem, Mandate Palestine (later Israel), receiving a professorship at Hebrew University and lecturing in anthropology and introductory sociology.

Buber was a direct descendent of the prominent 16th century rabbi, Meir Katzenellenbogen, known as the Maharam of Padua, as was his cousin, cosmetics queen Helena Rubinstein. Karl Marx is another notable relative.[2]

Buber’s wife Paula died in 1958, and he died at his home in the Talbiyeh neighborhood of Jerusalem on June 13, 1965. They had two children: a son, Rafael Buber and a daughter, Eva Strauss-Steinitz.


Martin Buber – Elemente des Zwischenmenschlichen

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A 1963  Recording

 


On Angels Ghosts and Daemons

Decline_of_Giants

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On Angels Ghosts and Daemons

by Martin Buber

ERZÄHLUNGEN

VON ENGELN GEISTERN

UND DÄMONEN

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DER ENGEL UND DIE WELTHERRSCHAFT

Es war zu einer Zeit, da aus’ dem Willen des Herrn,
in dessen Hand Ursprung und Ende eines jeglichen
Dinges ist, Pein und Siechtum ungemessen sich über
die Erde ergoß. Die Luft war vom Dunst der Tränen
beschwert und vom Hauch der Seufzer trüb. Wehmut
lag über den Heerscharen selber, die den Thron um-
stehn. Unter ihnen aber war einer, dem hatte das Leid,
auf das er niederblickte, die Seele verstört. Wenn er
seine Stimme in den Gesang der andren mengte, rang
der Zweifel in ihm mit der Treue, seine Gedanken
lehnten sich auf und vermaßen sich am Herrn. Nim-
mermehr konnte er verstehn, warum Tod und Ver-
derben die Bindeglieder sind in der Kette des Ge-
schehens. Da empfend er einmal erschauernd, wie das
Auge des Seienden in sein Auge drang und die Ver-
wirrung seines Herzens erfaßte. Er reckte sich auf imd
trat vor den Herrn, aber seine Kehle versagte, als er
reden wollte. Der Herr jedoch rief ihn mit Namen
und berührte seine Lippen. Nun fing der Engel zu re-
den an. Er begehrte, daß Gott die Führung der Erde
für die Frist eines Jahres in seine Hände geben möge;
er wolle sie zum Guten führen. Die Scharen erzitter-

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ten um den Verwegenen. Dann aber erstrahlten die
Himmel unter dem Lächeln Gottes. Er blickte den
Heischenden liebreich an und sprach die Gewährung
aus. Erglühend hob der Engel sich von hinnen.
Nun kam ein Jahr der Wonne und der Anmut über
die Erde. Der lichte Engel schüttete den ganzen Über-
fluß seines gnadenseligen Herzens auf ihre veräng-
stigten, in Nöten erstarrten Kinder. Kein Schrei des
Siechtums und des Sterbens störte die rauschenden
Harmonien. Der dunkle Genoß in der stählernen Rü-
stung, der vor kurzem noch brausend durch die Lüfte
geeilt war, stand mit gesenktem Schwert, seines Am-
tes entsetzt, in verdrossenem Warten bei Seite. So
schwebte die Erde erst in einem Blütenhimmel, dann
lag auf ihr die Last der Frucht. Die Menschen zogen,
als der Sommer reif war, singend durch die sattgelben
Felder, kein Sterblicher wußte sich solchen Segens zu
entsiimen. Die Ernte kam, und es schien, als ob die
Mauern bersten und die Dächer sich heben müßten,
um all der Fülle Raum zu bieten.
Der helle Engel lebte in einer Glorie stolzer Zufrie-
denheit. Ging auch die Herrschaft an dem Tag, da der
erste Winterschnee die Fluren deckte, wieder in Got-
tes Hände über, so hatte er doch Güte so über alles
Maß gespendet, daß die Söhne der Irdischen auf eine
lange Zeit der Gaben sich erfreuen würden.

Es kam aber ein kühler, später Tag im Jahr, da scholl
ein tausendstimmiges Wehgeschrei empor. Erschreckt
fuhr der Engel zur Erde nieder und trat, als Pilger an-
getan, in das erste Haus am Weg. Sie hatten das Korn
gedroschen, zu Mehl gemahlen und zu Brot gebacken
— aber, weh, das.Brot, das aus der Glut stieg, zerfiel in
Stücke, und die Stücke waren ungenießbar, sie erfüll-
ten den Mund mit widerlichem Erdgeschmack. Und
so war es im zweiten Haus und im dritten und über-
all, wo der Engel seinen Fuß hinsetzte. Die Menschen
lagen am Boden, rissen sich die Haare und fluchten
dem König der Welt, der ihre armen Herzen mit sei-
nem falschen Segen genarrt habe.
Der Engel flog hinweg und stürzte seinem Meister zu
Füßen. »Herr«, schrie er, »laß mich verstehn, wo in
meiner Kraft und Aufsicht der Mangel lag!«
Da erhob Gott seine Stimme und sprach: »Es ist ein
Ding bei mir, und bei mir allein seit Anbeginn, zu
schwer und zu grausig für deine sanften Geberhände,
mein freundlicher Gesell, — das heißt, die Erde mit
Fäulnis nähren und mit Schatten decken, daß sie aus
dem Samen gebäre, — das heißt, die Seelen mit Blut
und Schmerzen fruchtbar machen, daß das Werk aus
ihnen erstehe.«

DIE GESCHICHTE VON DER KRÄUTER-
TRUHE UND DEM GOLDENEN KALB

In der Stadt Rom stand von Urzeiten her ein mächti-
ger Turm, zu dem sieben eiserne Pforten führten, eine
vor der andern. Jede war mit vielen mächtigen und
kunstreichen Schlössern versperrt. Seit Menschenge-
denken gebot es der Brauch, daß jeder neue König an
dem Tag, an dem er die Krone empfing, der sieben-
ten und äußersten Pforte zu allen übrigen noch ein
neues Schloß anlegen ließ. Diese Sitte war so alt und
so viele Geschlechter hatten ihrer gepflogen, daß all-
gemach der Grund, der sie gebot^ in Vergessenheit ge-
sunken war.

Zu einer Zeit war ein Kaiser in der Stadt Rom gestor-
ben, und zu Rate kamen alle, die groß waren im Volk,
daß sie den neuen Herrscher wählen sollten. Einer er-
wies in ihrer aller Augen sich würdig, sie erhoben sich
und sprachen zu ihm: »Es ist des Volkes Wunsch, daß
du über uns herrschen sollst.« Er erwiderte: »Ihr seht
mich bereit zu tun, wie ihr verlangt. Doch ehe ich die
Bürde der Krone mir auflade, sollt ihr in einem Ding
mir willfahren. Ich fordere, daß ihr mit Schrift
und Siegel euren Willen und den Willen des ganzen

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Volkes in meine Hand leget, euch ohne Widerstand
dem ersten Gebot zu beugen, das ich als euer Kaiser
über euch aussprechen werde.« »”Was gedenkst du«,
fragten sie, »über uns zu verhängen?« Er antwortete;
»Kein Wort sollt ihr hören, bis ihr mit Schrift und
Siegel euer Vertrauen mir dargebracht habt.« Sie hiel-
ten Rat, und es wurde beschlossen, wie der neu er-
wählte Kaiser es bestimmt hatte. Sie erhoben ihn als-
bald auf den Thron und setzten ihm die Krone aufs
Haupt. Am nächsten Tag beschied er alle Großen zu
sich und redete zu ihnen: »Ein kleines Ding ist*s, das
ich euch gebiete. Es ist nur, daß ihr den alten ver-
schloßnenTurm,der sieben wohlverwahrtePforten hat,
mir öffnen möget, denn meine Seele begehrt zu wis-
sen, was sich in ihm verbirgt.« Da riefen alle wie mit
Einem Mund: »Herr Kaiser, was Ihr da aussprecht,
dünkt uns ein schweres Vermessen. So viele Herren
seit undenkbaren Zeiten diese Stadt regierten, keiner
war, der das Begehren getragen hätte, den Turm zu
öffnen. Viehnehr war es die erste Tat eines jeden, daß
er ein Schloß zu den imgezählten übrigen hinzutat,
dies alte Geheimnis mit immer mehr Erhabenheit zu
wahren. Nun stürmt Euer Begehr heran und will die
Schranke niederreißen, die hundert Geschlechter er-
richtet haben. Uns bangt, es möge Unheil aus den ge-
öffneten Pforten hervorgehn und über unsre Stadt

kommen.« Der Kaiser rief: »Spart eure Worte. Es tut
einzig not, daß ihr mir diesen Turm öfihet, daß ich in
ihn eingehe und sehe, was in ihm ist.« Sie hohen die
Schmiede der Stadt herbei. Nach gewaltiger Arbeit
taten sich die sieben Tore des Turmes auf. Der Kaiser
stählte sein Herz und ging als erster hinein. Ringsum
standen Rat und Volk in Entsetzen und Erwartung.
Dem Kaiser folgten nur einige seiner Männer. Er selbst
durchwanderte den Turm von Gemach zu Gemach
und ließ keinen Raum unerforscht, aber alle fand er
leer bis auf den letzten, der inmitten lag. In ihm stand
eine Truhe, gleißend, ganz aus hartem Gold, von un-
lösbaren Zeichen überzogen. Der Kaiser hob denDek-
kel, da wallte mannigfacher Geruch empor und er-
füllte die Luft, betäubend wie der Atem der Erde im
Frühling. Die Truhe war gefüllt mit allen Arten von
Kräutern, welche die Lande bedecken in ihren Höhen
und Tiefen, und sie waren grün und voll aufsteigen-
den Saftes, wie zu der Zeit, da eine Hand sich dem
Erdboden genähert und sie seinem Schöße entrissen
hatte. Den Kaiser befiel ein Staunen, und er rief:
»Wie mag es geschehn, daß diese Gewächse, die tau-
send Jahre und mehr ohne Nahrung in dumpfer Fin-
sternis verschlossen waren, heute so frisch sind wie an
dem Tag, an dem die frühe Sonne sie einst aus dem
Erdreich gelockt hattet« Aber eswarnichts alsSchwei-

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gen rings um ihn. Er wandte sich ab und befahl seinen
Knechten, die Truhe auf ihre Schultern zu laden und
in seinen Palast zu tragen. Sogleich sandte er Boten in
die Stadt und ließ die Diener aller Götter und die Ma-
gier und Zeichendeuter zu sich rufen. Alle versammel-
ten sich um seinen Thron. Der Kaiser sprach vor
ihrem Angesicht ein Gebot aus: »Es tut not, daß ihr
mir das Geheimnis jener Kräuter ergründet, die am
heutigen Tag meine Hand aus dem Grunde des alten
Turms gehoben hat. Entzieht ihr euch meinem Be-
fehl, so sollt ihr wissen, daß ihr euren Tod erwählt
habt.« Sie redeten: »Ewig lebe unser Herr, der Kaiser l
Seine Gnade gewähre uns eine Frist, zu forschen, was
die Hand der Schreiber an alten Kunden niederge-
schrieben hat und was die Zeichen des Hinmiels er-
öfihen, ob es uns nicht gelingt, die Wurzel des Ge-
heimnisses zu finden.« Der Kaiser antwortete ihnen:
»Ich gewähre euch eines Mondes Umlauf.« Sie ver-
senkten sich nun den Tag über in die alten Schriften,
erhoben allnächtlich ihre Augen zu den Sternen und
horchten um die Zeit der Schatten auf die Stimmen
der Wasser. Aber nirgends ging ihnen die Kunde auf,
und in Eitelkeit verflossen die Tage. Als der letzte
herankam, der mit seinem Sinken die Frist vollenden
sollte, sammelte sich das ganze Volk um die Weisen,
ließ von seiner Arbeit und von seinen Gepflogenheiten

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und gab sich dem Fasten hin, und die Hilferufe aller
stiegen zu den Göttern auf.

In jener Zeit lebte in der Stadt Rom ein Mann, der in
seinem Leben ein Jahrhundert sich hatte erfüllen selin.
Er hatte sieben Söhne, alle waren in Weisheit groß ge-
worden und von der Ehrfurcht der Menge umgeben.
Sie gehörten zu den obersten Priestern der Götter.
Stets aber führte sie ihr erster Weg des Morgens, ehe
sie den Gedanken der Welt in ihre Seele Einlaß gewähr-
ten, zu ihrem alten Vater, ihn zu grüßen und seinen Se-
gen zu empfangen. An jenem letzten des vollendeten
Mondes jedoch blieb der Greis zum erstenmal in den
Tagen seines Alters verlassen, und erst am Abend, als
die Söhne aus dem Rate nach Hause kehrten, versam-
melten sie sich um ihn. Er sprach zu ihnen: »Meine
Söhne, wodurch scheidet sich dieser Tag von allen Ta-
gen, daß ihr nicht zu mir gekommen seid, wie es euer
guter Brauch ist?« Sie antworteten : »Unser Vater, was
sollen wir reden und uns rechtfertigen ? Wisse, daß wir
unserer Trauer hingegeben waren, erfüllt von unserm
bösen Schicksal. Nach dieser Nacht tagt der Morgen,
da wir dich einsam lassen müssen in der Zeit deines
hohen Alters.« Als der Alte ihre Worte vernahm, war
es, als ob er durch die Lider ihrer Augen blicke wie
durch Glas, und er sprach: »Bei eurem Leben, meine
Söhne, laßt mich diesen ganzen Gegenstand hören.«

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Sie erzählten ihm von dem Fund der Kräutertruhe in
dem verschlossenen Turm und von dem Verhängnis,
das der Mund des Kaisers über sie ausgesprochen
hatte. Der Alte sprach : »Wenn dies eure Sorge ist, sollt
ihr guter Dinge sein, denn das Wesen dieser Sache ist
mir kund. Morgen, wenn der Tag aufsteigt, werdet
ihr mich vor den Kaiser führen und ich werde die
Schleier vor ihm aufdecken.« Die Söhne fielen ihrem
Vater zu Füßen, küßten seine Hände und redeten zu
ihm: »Es lebe deine Seele, wie du uns belebt hast.«
Am Morgen danach trugen sie ihn auf ihren Schultern
in den Palast des Kaisers, führten ihn vor den Thron
und sprachen : »Unser Herrscher, wir sind gekommen,
um dich das Geheimnis dieser Kräuter wissen zu las-
sen.« Der Alte redete nun so ziun Kaiser: »Herr, neige
mir dein Ohr, denn ich bin es, der den Grund dieses
Dinges in Vollkommenheit kennt, wie er von Urzei-
ten von Mund zu Mund überliefert ist. Es war ein Kö-
nig über Rom aus dem Geschlecht von Eliphas, dem
Sohne Esaus, der erbaute jenen Turm mit den sieben
erzenen Pforten und ließ jene goldne Truhe hinein-
tragen und in sie legte er sechzig zehntausende Arten
von Kräutern nach den sechsmaUiunderttausend See-
len Israels, die aus Ägypten zogen. Und er tat über sie
einen zwingenden Spruch, daß all die Zeit, da die
Kräuter in ihrer Grüne und Feuchtigkeit verharren

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werden, die Gewißheit sei, daß Israel bestehe und in
der Welt verharre, wenn sie aber vertrocknen, möge
die Gewißheit sein, daß der Stamm Israels verdorre
imd von der Welt hinweggetilgt werde. Und er schloß
die goldne Truhe in den letzten innersten Raum des
Turms und ließ die ehernen Tore versichern, daß kei-
ner Eingang gewinne, die Kräuter zu tränken, daß sie
in der goldnen Truhe kein Kömchen Erde fänden,
daraus Leben zu saugen, und daß kein Zug wärmen-
der Luft in die dumpfen Tiefen des Turmes dringe.
Dann erließ er ein Gebot, daß jeder, der nach ihm
über Rom herrsche, der siebenten Pforte ein neues
Schloß anfüge. So wollte er die Kräuter ausdörren
und Israel von der Erde vertilgen. Aber, du hast es ge-
sehn, Herr, der Zauber war ohnmächtig, denn in tau-
send Jahren ohne Licht und ohne Erde sind die Kräu-
ter frisch geblieben. Nun beuge du dein Ohr tiefer
zu mir und ich will dir das letzte Geheimnis offenba-
ren. Es war einer unter meinen Urvätern, er war ein
weiser Mann und ein Magier und hatte die Welt in
ihren Breiten durchzogen, und er war auch in dem al-
ten Lande der Juden gewesen, hatte seinen Fuß auf
die Trümmer ihrer Burgen gesetzt und war Tag und
Nacht in den öden Streifen umhergewandert. Eines
Nachts hemmte die tiefe Dunkelheit seinen Fuß. Es
war eine jener Nächte, in denen die Unirdischen die

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Elemente beherrschen und keinen Sterblichen dulden.
Da suchte er Zuflucht in einer großen verlassenen
Höhle und streckte sich auf den dürren Erdboden zur
Rast. Aber es kam keine Ruhe über ihn, die Erde zit-
terte, und tief imter sich im Innern der Felsen und
hoch über sich in den Lüften vernahm er Geräusche
wie Stimmen von Schatten, die Zwiesprache pflegen.
Und er hörte ein Lachen, daß ihm das Herz bebte,
und hörte die Stimme des Felsengeistes, die sprach:
»Öffnet eure Augen und seht jenen Zug von gekrön-
ten Schemen, die wie getrieben über die Felsen hin-
gleiten und keine Ruhe finden. Es sind die toten Kö-
nige, die den Turm bewacht haben, in dem das Schick-
sal Israels beschlossen ist. Erhebt euch, ihr Stimmen,
und lachet der Toren, denn ihr Tun ist eitel und wird
es allezeit bleiben. Denn wisset, in der Kette der Ge-
schicke gibt es nur eine Art, daß, das Volk Israel von
der Welt vertilgt werde: wenn die Juden je die Ge-
schichte ihrer Befreiung lesen und die Festordnung der
Befreiungsnacht abhalten würden über jener Truhe,
in der sechzig zehntausende von Kräutern ruhen zum
Zeichen der sechsmalhunderttausend Seelen Israels,
die aus Ägypten zogen. Sollte dies jemals geschehn,
dann wird aus dem Leben der Kräuter der Dämon des
goldenen Kalbes wiedergeboren werden, dem sie einst
gehuldigt hatten in der Stunde, als auf dem Weg aus

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Ägypten Gott sich ihnen offenbarte, und der seither
im Unsichtbaren wartet, daß er ins Leben kehre, die
Welt beherrsche und Israel verderbe. Wir aber mö-
gen des gewiß sein, daß solches niemals geschehen
wird, dieweil diese Schloß für Schloß an die Pforte
hängen, die Truhe zu bewahren.« Das sprach die
Stimme des Felsengeistes, Andere antworteten ihr,
und liebreich redeten die Stimmen aus Luft und Er-
de von den verbannten lündem des abgestorbenen
Landes. So verbrachte der Wanderer die Nacht. Als
er im Morgendämmem den Ort verließ, traf er auf
zwei Hirten, die ihre Herden bergan trieben. Sie wand-
ten sich schauernd von ihm ab und einer sprach zum
andern: »Sieh diesen Fremdling, er hat in der Höhle
des Propheten genächtigt.« Als mein Ahn alt gewor-
den war und seine Seele entfliehen fühlte, vertraute er
das Geheimnis seinem ältesten Sohn und dieser dem
seinen und so habe ich es von meinem Vater erfahren.
Nun aber, o Kaiser, sind du imd ich die einzigen, die
es kennen, denn ich habe es noch keinem meiner
Söhne verraten.«

Als der Kaiser die Worte des Alten vernommen hatte,
entließ er ihn in Ehren. Und sogleich heischte er, daß
die besten Gold- und Erzschmiede der Stadt geholt
würden. Er zeigte ihnen die goldne Truhe, die er in
dem Turm gefunden hatte, und befahl ihnen, eine ihr

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in der Form und in den Maßen sowie in der Schönheit
der Arbeit gleiche anzufertigen und bei Verlust ihres
Lebens gegen jedermann zu schweigen. Er gab ihnen
Gold, so viel sie bedurften, und hieß sie an einem ein-
samen Orte seines Palastes arbeiten. Nach einer Zeit
brachten sie die Truhe vor ihn, und es war alles so,
wie er geboten hatte. Dann füllte der Kaiser den neuen
Kasten mit edlen Steinen und Reichtum aller Art. Er
entbot einen seiner Diener, den obersten Rabbinen der
Stadt herbeizurufen. Als der kam, empiSng der Kai-
ser ihn mit großer Ehre und rief seinem Gefolge zu:
»Geht hinweg und laßt mich mit diesem allein.« So
blieben die beiden allein, der Kaiser imd der Rabbi.
Der Kaiser sprach: »Du weißt, es ist noch nicht lang,
daß ich die Herrschaft angetreten habe. Gleichwohl
kenne ich die Seelen aller Söhne meines Reiches imd
Bimdes und weiß, daß in ihnen keine Treue ist und
daß sie der Stunde harren, in der sie sich gegen mich
empören wollen, meine Macht zu vernichten und mein
Eigentum zu rauben. Ich will dir ein Geheimnis offen-
baren und es sei beschlossen zwischen dir und mir.
Sieh, ich habe diese Truhe angefüllt mit allem, was
meine Hand an Edelsteinen und wertvollem Gerät ge-
funden hat. Nunmehr begehre ich von dir, daß du
sie in dein Haus nehmest. Sie sei in deinem Besitz und
du sollst sie erstatten zur Zeit, da ich es gebiete. Denn

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ich weiß nicht, was der Tag gebären wird.« Zugleich
öffnete er den Eisten vor dem Rabbi und zeigte ihm,
daß er vielen Reichtums voll war. Dann sprach er:
»Ich gebiete dir, daß diese Truhe ständig vor dir sei,
du sollst auf sie achten mit offenen Augen. Vollbringe
auf ihr all dein Tun, sie soll dein Tisch sein, darauf zu
lesen, zu essen und zu trinken, und sie soll dein Lager
sein, darauf du deine Kissen breitest, damit sie im-
mer in deiner Gewalt sei. Deine Augen haben gesehn,
daß sie all meine Schätze birgt. Von deiner Ehre
werde ich sie einst wiederverlangen.« Der Rabbi ant-
wortete: »Ich nehme das Wort des Kaisers auf mich
und werde tun, wie mein Herr befiehlt.« Der Kaiser
sandte ihm den Kasten mit zweien seiner Diener
zur Nacht ins Haus, aber er hatte zuvor jenen, der
voll von Kleinodien war, mit dem andern vertauscht,
den er mit Kräutern gefüllt in dem alten Turm gefun-
den hatte.

Der Rabbi ließ die Truhe in jenes Gemach seines
Hauses stellen, in dem er stets zu verweilen pflegte.
Sie war ihm fortan Tisch und Lagerstätte und er
ließ seine Augen nicht von ihr. Selbst in der Peßach-
nacht wollte er keine andere Tafel zum Seder berei-
ten, denn die Truhe. Es stand der Rabbi und hob den
Becher und begann den Segen über den Wein zu sa-
gen: »Dieses sind die Feste des Herrn — .« Aber wäh-

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rend er sprach, hörte er plötzlich in seinem Haus eine
Stimme schreien wie aus großer Not, und die Stimme
rief: »Gepriesen sei der wahrhafte Richter! Gesäuer-
tes ist im Haus !« Da verstummte der Rabbi und stand
bestürat über das schlimme Wort. Aber er überlegte
in seinem Sinn: »Vielleicht ist es dennoch nur Trug
meiner Siime.« Er nahm aufs neue den Becher in seine
Hand und begaim den Segen zu sprechen. Und wie-
derum ging eine große Stimme hervor und schrie:
»Gepriesen sei der wahrhafte Richter! Gesäuertes ist
im Haus !« Doch der Rabbi achtete nicht ihrer, sprach
den Segen und trank den Becher angelehnt aus. So-
bald er aber den Seder zu machen begann und die un-
gesäuerten Brote erhob, erscholl abermals fürchter-
lich eine Stimme und schrie: »Gepriesen sei der wahr-
hafte Richter! Gesäuertes ist im Haus!« Da standen
sie alle auf und zitterten, und die Söhne des Rabbi
sprachen : »Wie lange, Vater, wirst du noch schweigen
zu diesem Ding.^« Nun gingen der Rabbi imd die Sei-
nen aus, das Haus zu durchforschen, und suchten an
allen Orten, aber sie vermochten nichts Gesäuertes zu
finden und blieben ohne Rat. Der Rabbi entbot einen
Diener und hieß ihn zu allen Großen der Gemeinde
gehn, sie mögen eilends bei ihm sich versammeln.
So geschah es. Der Rabbi empfing seine Gäste und
sprach zu ihnen: »Beehrt mich in dieser Nacht imd

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macht den Seder mit mir.« Sie antworteten ihm: «Wir
sind mit Freuden bereit, nach deinem Willen zu tun.«
Sogleich setzten sich alle um die Truhe und begannen
mit ihm den Seder zu machen. Da erhob sich aufs neue
die Stimme und schrie, daß das Haus in seinen Grund-
festen erbebte, und verkündete ihre Worte. Der Rabbi
sprach: »Ihr habt es alle gehört.« So nahm ein je-
der von ihnen eine Leuchte in seine Hand, sie gingen
und spürten und suchten im ganzen Haus von einem
Ort zum andern, aber nirgends vermochten sie Ge-
säuertes zu finden. Nun überwältigte den Rabbi die
Not seines Herzens. Er sprach zu seinen Gästen: »Wir
haben das Haus durchsucht und rein befunden, und
nichts haben wir ungeprüft gelassen, es sei denn diese
Truhe, die unsere Tafel ist.« Und in der Ehrfurcht vor
der Stimme, die er vernommen hatte, erzählte er sei-
nen Genossen, wie dieser Kasten, das Eigentum des
Kaisers, in sein Haus gekommen sei. Alsdann hoben
sie den Deckel. Da quollen Dämpfe empor, feuerfar-
ben und atemraubend, daß ihnen die Sinne beinahe
schwanden. Es wallten immer neue Dämpfe, ver-
schlangen und wanden sich im Raum, und allgemach
schlössen sie sich zusammen und verdichteten sich.
Und vor den Augen der Rabbinen entstand ein Ge-
schöpf des Abscheus, anzusehen wie das Bild eines
Kalbes, aber mit Fängen und Flügeln wie die eines

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ungeheuren Raubvogels. Das Wesen stand und zit-
terte in der Luft, gleichsam durchsichtig, und flak-
kerte und schien seine Wirklichkeit nicht gewinnen
zu können. Seine Augen waren fließendes Feuer ohne
Kern und der Atem seines Mundes wie Eishauch und
Nebel. Verwirrt standen die Weisen und jeder sprach
zu seinem Herzen: »Was hat Gott über uns verhängt,
daß er in der geheiligten Nacht diese große Schreck-
nis über uns bringt.”« Der Rabbi aber begann mit
starken Worten zu Gott zu reden und seine Seele er-
hob sich in Rufen und Tränen. Da stieg eine Stimme,
eine Tochter des Himmels, hernieder, der Rabbi imd
alle, die dastanden, vernahmen sie, und sie sprach:
»Es male der Rabbi mit seiner Hand auf die Stirn des
Geschöpfes den heiligen Namen, er male den Namen
auf dessen Herz und auf dessen Füße, und dieses Ge-
sdiöpf wird sterben.« Der Rabbi erhob sich und
schrieb mit seiner Hand auf die Stirn des Geschöpfes
den heiligen Namen, da sank der Kopf kraftlos zur
Seite, Er schrieb den Namen auf das Herz, da verging
dem Wesen der Atem. Er schrieb ihn auf die Füße,
da sank es in sich zusammen, stieg vor ihm wie eine
Wolke auf und zerging im Raum. Alle, die zugegen
waren, überkam eine große Freude. Der Rabbi aber
sprach zu ihnen: »Dieser Tag ist ein Tag der Bot-
schaft. Geht hin in Frieden, ein jeder an seinen Ort.«

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Sie gingen, ein jeder nach seinem Haus, und sie mach-
ten den Seder in großer Freude. In der Fülle der Freu-
den geschah es, daß kein Schlaf zu ihnen kam, und sie
wachten die ganze Nacht wie die Weisen zu Bne
Brak.

In der Morgenfrühe kamen Männer vom Kaiser, den
Rabbi zu rufen, daß er die anvertraute Truhe zurück-
bringe. Als der Rabbi damit im Palast erschien, eilte
der Herrscher sogleich herzu und hob den Deckel.
Da lagen die Kräuter frischer als vordem und sie hat-
ten Knospen und Schößlinge getrieben. Der Kaiser
geriet in Verwirrung und fragte: »Ist diese Truhe
bei dir geöffiiet worden.”« Nun erzählte der Rabbi
die Geschehnisse der Nacht. Als der Kaiser sie ver-
nahm, beugte sich seine Seele.

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DAS HAUS DER DÄMONEN

Auf dem Hauptplatz einer Stadt im Lande Polen lag
ein großes statdiches Haus, wohl sehr alt, aber aus
seinen grauen Steinen fest und schmuck gefügt. Es
war seit Menschengedenken unbewohnt und stand
wie ein schlafender Koloß mit seinen geschlossenen
Fensterläden und Türen. Die Familie, der es ange-
hörte, wohnte seit vielen Jahrzehnten in einer ent-
fernten Stadt und bekümmerte sich wenig um dieses
Gut. Warum ihre Glieder es verschmähten, das schöne
Gebäude zu bevölkern, wußte niemand in der Stadt,
Wenn sie einen Grund hatten, war er wohl unter den
Leuten längst vergessen, und sie selbst sprachen nie
darüber. Aber immerhin blieb es höchst seltsam, daß
das Geschlecht, das in allen seinen Generationen kin-
derreich und weitverzweigt war, es vorzog, fremden
Besitz zu erwerben und sich dort niederzulassen, und
höchst seltsam auch, daß sie niemals versucht hatten,
einen Mieter zu finden, um so doch einigen Gewiim
zu ziehen. Ganz leicht wäre ihnen das vielleicht auch
nicht geworden, denn unter dem Volk liefen seit lan-
gem mancherlei dunkle Gerüchte über das Haus um,
die durch einen merkwürdigen und traurigen Um-

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stand, der sich vor einigen Jahren zugetragen hatte,
noch vermehrt worden waren. Es geschah damals,
daß ein mutwilliger Knabe, der durch den verwilder-
ten Garten an der Rückseite des Hauses eingedrungen
war, eines der niedriggelegenen Fenster zu ebener
Erde erkletterte, den morschen Laden aufstieß und so
das Innere des Hauses betrat. Die Kinder, die mit ihm
waren, hörten gleich darauf ein vielstimmiges Weh-
geschrei heraustönen, Gepolter und Durcheinander-
laufen, aber im nächsten Augenblick sahen sie den
Knaben, von imsichtbarer Hand geschleudert, im
weiten Bogen durch das oflfene Fenster fliegen und
hart zu Boden fallen. Als auch sie über die niedrige
Mauer kletterten, um dem Gespielen aufzuhelfen, fan-
den sie ihn tot liegen. Die Leute, die durch ihr Wei-
nen alsbald angelockt wurden, schenkten der Erzäh-
lung, die die Kleinen von dem Vorgang gaben, wohl
nur geringen Glauben, aber dennoch blieb es sehr
sonderbar, daß der Junge, dessen Leiche man mit ge-
brochenem Genick antraf, durch den Sturz von so ge-
ringer Höhe auf den weichen Rasen sich hatte tödlich
verletzen können. Immerhin wurden Haus und Garten
von nun an noch mehr gemieden, und da und dort
hörte man auch von verschiedenen Beobachtungen
reden, die ein oder der andere späte Gänger im Vor-
übereilen gemacht hatte, Wochenlang nach dem trau-

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rigen Vorfall wollte man leises Wimmern allnädhit-
lich aus dem Innern gehört haben, späterhin war Licht
durch die Spalten, ja selbst eine leise Musik vernom-
men worden. Die aufgehellten Köpfe in der Stadt hat-
ten freilich kaum mehr als ein Lächeln für diese Mä-
ren. Trotz allem war das Erstaunen groß und allge-
mein, als man vernahm, daß einer der jüngsten Söhne
aus der Familie der Eigentümer nächstens hier anlan-
gen werde, um mit seiner neu angetrauten Frau sich
in dem alten vergessenai Stammhaus seines Geschlech-
tes heimisch zu machen. Es hieß, daß der junge Mann
eigenmächtig zu dem Enföchluß gekommen sei, dem
Willen der älteren Familienglieder zuwider, die mit
allerlei dunklen Worten dem Jüngling abrieten, in-
dem sie sagten, daß ein Ahnherr in dem Hause Un-
seliges erlebt habe, uiid daß seither der Ort jedem
ihres Geschlechtes zum Unheil werde.
Der junge Mann traf alsbald ein. Das Haus wurde
schnell von Arbeitsleuten aller Gattungai mit emsi-
gem Treiben erfüllt, und in wenigen Wochen stand
es von innen und von außen rein, glänzend und wohn-
lich da. Die wunderlichen Geschichten, die sich darum
spannen, waren durch die Handwerker wieder belebt
worden, die seltsame Dinge zu erzählen wußten. So
hatte sich alsbald ein jeglicher unter ihnen geweigert,
den Keller zu betreten, nachdem mehrere ihrer Ge-

25

fährten bei dem Versuch, dort einzutreten, mit Stei-
nen und Erde beworfen, an den Haaren gezerrt und
zu Boden gedrückt worden waren, ohne daß sie einen
Mensdien angetroffen oder auch nur Spuren mensch-
licher Gegenwart wahrgenommen hätten.
Dem neuen Hauswirt blieb denn nichts anderes übrig,
als auf die Benützung des Kellers zu verzichten, da er,
so wie er dalag, unsauber und verwahrlost, für den
häuslichen Bedarf nicht zu gebrauchen war. Das
mochte ihm wohl wenig genehm sein, doch hoffte er,
im Lauf der Zeit, weim die albernen Einbildungen der
Leute, wie er es bei sich naimte, verraucht waren, an-
dere Helfer zu gewiimen, die die Räume instandsetzen
und brauchbar machen würden.
So zog er denn ein mit seinem jungen Weib und all
dem Hausgesind, das er aus seiner früheren Heimat
mit sich führte. Eine Weile ging es ganz friedlich und
heiter in der neuen Ehegemeinschaft zu, nur geschah
es mitunter, daß die junge Frau mitten in der Nacht
erwachte und ihrem Mann erzählte, sie sei durch ein
klagendes, bitterliches Weinen aus dem Schlafe auf-
gestört worden. Der Mann, der sein Weib zärdich
liebte, suchte auf alle Weise die Ursache zu erforschen,
jedoch gelang es ihm nicht, da er selbst niemals einen
Laut davon vernahm. Einmal trug es sich zu, daß sie
vermeinte, es habe sie eine Hand nächdicherweile

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schmerzhaft an dem langen Haar gezogen, das ihr
über die Kissen hing, und ihr so die Ruhe verscheucht;
und ein andermal, daß sie im Schlafe fühlte, wie ihr je-
mand, den sie nicht wahrnahm, heftig ins Gesicht
blies, und als sie erwachte, waren ihr die Augen ver-
schwollen, so daß sie sie gar nicht aufmachen konnte,
und es währte einen ganzen Tag so an, ohne daß es
ihr jedoch weh tat. Diese Dinge machten das junge
frische Weib bald blaß imd über die Maßen schreck-
haft, und der Mann wurde ernstlich besorgt. Da es
sich aber alsbald zeigte, daß die junge Ehefrau schwan-
ger war, war man geneigt, zu glauben, diese Sonder-
barkeiten hingen nur mit ihrem Zustand zusammen,
zumal viele andre Frauen sie beruhigten, indem sie er-
zählten, sie hätten zu der Zeit ebensolche und noch
ärgere Einbildungen durchgemacht, und all das fände
seinen natürlichen Abschluß. Indessen kam ein fröh-
liches Kindchen heil zur Welt und lebte, und die Mut-
ter genas, ohne daß diese unerklärlichen Erscheinun-
gen ein Ende gehabt hätten, ja vielmehr wurden sie
nun auch von anderen wahrgenommen. So fand man
das Kindlein zuweilen verkehrt in der Wiege liegen,
das Gesicht in die Kissen vergraben, oder man fand es
schlafend gar unter dem Bettchen auf dem Fußboden.
Es geschah ihm wohl nie ein ernstliches Leid, doch
durfte man es bald nimmer wagen, das Kleine auch

27

nur einen Augenblick zu verlassen. Desgleichen stürz-
ten in der Küche und in den Wohnräumen plötzlich
ohne jeglichen Anlaß die Geräte von den festen Ha-
ken und Borden klirrend und polternd zu Boden, und
zuweilen fanden die Dienstboten einen Tag lang
kaum ein andres Geschäft, als die Scherben zu entfer-
nen. Wollte man sich zu Tische setzen, so kam wohl
die Küchenmagd heulend gelaufen, und jammerte, ir-
gendein Bösewicht habe ihr just in dem Moment, als
sie in die Speisekammer nach einer Zutat gegangen
sei, Asche und Abfälle in die Eßtöpfe geworfen. Zu-
weilen wurden alle Türen aufgerissen, und hastende
Tritte huschten durch die Räume, ohne daß man ir-
gend jemand sah, der das Geräusch hätte verursachen
können. Schritt ein Hausgenosse des Abends über die
Gänge, so wurde ihm der Leuchter gewaltsam aus den
Fingern gerissen und an die Decke geschleudert, er
stand im Dunkeln, unsichtbare Hände rissen und zerr-
ten ihn an Haar imd Kleidern, bis er kläglich imi Hilfe
rief oder sich zu den andern zurücktastete. Weder der
Herr noch der Knecht fanden Schonung oder Ruhe.
Im Hause herrschte der verdrießlichste Mißmut, denn
keiner war je sicher, seine Arbeit in Frieden vor den
Quälgeistern verrichten zu können, seine Speise zu
finden oder der Rast zu pflegen. Doch da sich nie ein
ernstliches Unheil zutrug, sah man dem Treiben ge-

28

räume Weile zu, insbesondre, da der junge Hauswirt
sich nicht öffentlich beschämen wollte, indem er zu-
gestand, daß seine Warner nun doch recht behalten
mochten. Schließlich lagen ihm aber seine Hausfrau
und das Gesinde mit ihren Beschwerden zu jeglicher
Zeit hart im Ohr. Da lief er in seinen Nöten zur Ge-
meinde und bat um deren Rat. Die wies ihn an den
vielgerühmten Rabbi Joel, den Wundertäter, der zu
Zamosc hauste und von dem der Spruch ging, daß er
auch über die Wesen der unirdischen Reiche Gewalt
habe. Sogleich sandte der Bedrängte einen Boten nach
Zamosc, und bald erschien der heilige Meister Joel
und war zimi Werk bereit. Zuerst hieß er die Einwoh-
ner das Haus verlassen und nur den Herrn mit sich
darin zurückbleiben. Dann bereiteten sich die beiden
einen Tag und eine Nacht im Beten und Fasten vor.
Erst als die zweite Mittemacht nahte, entzündete der
Heilige die Lichter, streute ICräuter in ein Kohlenbek-
ken und rief mit mächtig gebietenden Worten die
Geister auf, indem er ihnen den Namen des Bezwin-
gers allerWelten vorhielt, ihnen aber auch zugleich
Gerechtigkeit und, wenn es in seiner Macht liege, die
Erlösung von ihrer irdischen Gebundenheit verhieß.
Alsbald war eine zitternde Bewegimg in der Luft zu
spüren, und eine Stimme antwortete:
»Ich bin hier, der Herr der Meinen, des Geschlechtes

29

jener Dämonen, das seit zwei Jahrhunderten dies
Haus bewohnt. Wisse, daß Besitz und Recht unser
ist, und nicht jener aus dem Geschlecht der Irdischen,
die zu unserm Verderb gekommen sind und sich an-
maßen, was unser ist. Du siehst uns bereit, unser
Recht zu belegen. So schaff ein Gericht zur Stelle und
gewähr uns Gehör und Spruch, wie du verheißen
hast!«

Da beschwor Rabbi Joel den Dämon, in der dritten
Nacht zur selben Stunde am selben Ort sich einzu-
finden, er werde hier ein Gericht vorfinden, seine
Sache zu prüfen. Das war der Geist willens und sagte
es ihm zu. Zur Stunde begab sich der heilige Meister
ins Haus, gefolgt von den beiden Gerichtsbeisitzern
der Gemeinde, und auch der Herr des Hauses war an-
wesend. Rabbi Joel rief den Dämon an, und die
Stimme meldete sich in der Luft und sprach: »Ich bin
zugegen.« Der Meister redete: »So trag uns deine
Sache vor, wie es der Brauch ist.«
Die Stimme erzählte:

»In alter Zeit war dies Haus einem jüdischen Mann zu
eigen, der in seiner Jugend in vielen Landen umher-
gezogen war und in seinem Beruf, goldenes und sil-
bernes Gerät und Schmuck zu treiben, auch edle
Steine zu fassen und zur Wirkung zu bringen, eine
weitgerühmte Geschicklichkeit erworben hatte. Er

30

war nun schon in Mannesjahren, als er hierher in die
Heimat seiner ICinderzeit zurückkehrte, dies Haus er-
baute, sich mit eines frommen Juden Tochter ver-
mählte und sich für alle Zeit hier niederließ. Er fand
bald Zuspruch von den Mächtigen und Reichen des
Landes, und manches edle Kunstwerk kam aus seiner
Hand. Wohl war er, wie sein Benehmen wies, ein
gläubiger Jude geblieben; dennoch schien den Leuten
manches an seinem Haben und Gebaren allzu unge-
wohnt, so daß ihn jeglicher nur mit Scheu besah,
gleichob er auch Reichtums und Ansehens genug
hatte.

Nun war es wohl so, daß der Goldschmied in der
Enge der Stadt und ihrer Seelen nicht mehr recht
mochte heimisch werden, hatte er doch in anderen
Ländern viel des Köstlichen geachtet und erlebt. So
mochte man ihn, war er nicht just mit allen Sinnen
seiner Kunst hingegeben, oft im Garten oder sonst
irgendwo vor der Stadt gehen und stehen sehen, in
seine Sehnsucht vertieft. Er härmte sich unbändig in
die Feme, und dennoch durfte er nimmer ziehen, denn
sein Haus, Weib und Kinder hielten ihn fest.
•Er stand einst so, über den tiefen Brunnen gebeugt,
den ihr im Winkel des Gartens noch findet, da kräu-
selte sich das Wasser, und es stieg ein lichtes, nacktes
Weib herauf, setzte sich auf den Rand und lächelte.

31

Sie gefiel ihm sehr und gewann ihm alsbald seine
Seele so völlig ab, daß er nimmer von ihr lassen
mochte.

Da nahm er sie, die aus dem Geschlecht der Dämonen
war, noch in derselben Nacht ins Haus und barg sie
im Keller in einem heimlichen Gemach, das außer
ihm keiner je betrat, wo er hinter eiserner Tür die
Kleinode verwahrte, die ihm zur Arbeit zugebracht
wurden. Hier verblieb sie nun allezeit. Und es wuchs
zwischen der Dämonenfrau und dem Menschensohn
eine hohe Liebe, seine Seele war an die ihre gebunden,
und er begehrte nimmermehr im Verborgenen seines
Herzens, fortzuziehen. Sie lebten Jahre miteinander,
die Freude wich nimmer von ihm, das fremde Weib
aberbrachte ihm Kinder aus seinem und ihrem Blut,
die von Menschen- und Dämonenart zugleich waren.
Er barg sie alle mit ihrer Mutter in der Tiefe des Hau-
ses, und außer ihm wußte keine Menschenseele von
ihrem Leben.

Seine Ehefrau aber, die weder von Körper noch von
Seele lieblich war, sondern ernst, karg und knapp,
hart im Schalten und Befehlen im Haus, gewahrte
wohl gleich andern Menschen, daß an ihrem Mann
manches Ungewöhnliche sei, aber sie gab sich in Ge-
danken wenig mit ihm ab und wußte sich dessen keine
Deutung. Sie war es zufrieden, daß er für sie und ihre

32

Kinder nach dem Brauch Sorge trug, und dankte es
ihm, daß seiner Hände Arbeit ihren Reichtum stünd-
lich mehrte. Auch pflegte er äußerlich die Sitten
des Glaubens. Nur zuweilen, wenn auch selten, kam
es vor, daß ihn mitten im Gebet im Lehrhaus ein un-
bezwingliches Verlangen nach der Dämonin befiel,
und er eilte nach Hause zu ihr. Aber es war niemand,
der darum acht hatte.

Da trug es sich einmal zu, daß er mit den Seinen den
Seder in der ersten Peßachnacht feierte. Inmitten des
Mahles aber schien es ihm, er vernehme die Stimme
der Dämonin, die ihn mit ihrem silberklingenden La-
chen lockte. Das Essen wurde ihm zum Ekel, er ver-
mochte den Anblick der Menschen nicht zu ertragen,
sondern stand wordos auf und ging eilig hinaus. Sein
Weib sah ihn mit Befremden weggehn, und da ihr dies
doch zu dieser Stunde allzu seltsam vorkam, erhob sie
sich imd schlich ihm, der in den Keller niederstieg,
heimlich nach. Sie sah ihn hinter der eisernen Tür ver-
schwinden, und von der Neugier getrieben, kam sie
auf den Zehenspitzen herbei, bückte sich zum Schloß
nieder und sah durch den Spalt hindurch in ein präch-
tiges Gemach. Auf einem Lager gewahrte sie ein lich-
tes Geschöpf, und ihr Mann stand daneben und lieb-
koste es. Im Zimmer aber waren Kostbarkeiten aller
Art gleich Traumesschätzen. Die Frau erstarrte vor

33

Zorn und Schmerz, doch faßte sie sich bald und ging
leise zu den Ihren. Als auch ihr Mann nach einer Weile
zurückkehrte, war sie bereits in sich beruhigt und
unterschied sich, schweigsam und verschlossen wie
immer, nicht von ihrem alltäglichen Wesen. Kom-
menden Tags aber eilte sie, ohne erst ihrem Mann von
ihrem Mitwissen gesagt zu haben, zum Rabbi des Or-
tes, berichtete ihm von allem, und bat ihn, ihren Mann
zu bewegen, daß er von dem fremden Weib lasse,
sonst aber von ihres Hause Schande zu schweigen.
Der Rabbi verhieß es ihr und ließ den Goldschmied
kommen. Dem hielt er sogleich vor, daß er mit einer
Unirdischen in Gemeinschaft lebe, beschwor ihn, das
Weib auszutreiben, und hing ihm, ihn gegen die Dä-
monin und ihre Bitten zu feien, ein Amulett um den
Hals, auf das er kräftige Sprüche geschrieben hatte.
Da hatte der Mann seinen Willen in den des Rabbi er-
geben, imd noch in selber Nacht trieb er das Weib mit
seiner Sippe von hinnen und und zwang sie mit den
Ihren in den Brunnen nieder, aus dem sie aufgestie-
gen war.

Von der Nacht an aber wich die Freude von ihm. Er
lebte wohl noch manches Jahr, war aber verdrossen
und trübe in jeder Stunde. Auch wurde er vor der
Zeit hinfällig. Als er auf seinem letzten Lager eines
Abends wie oft vom Schlaf gemieden dalag, tat sich

34

die Tür auf, und es kam die Dämonin herein, setzte
sich an sein Bett und legte ihm ihre Hand auf die
Stirn. Da wurde er selig bewegt. Er sah, daß sie jung
und strahlend war, wie an jenem Tag, da sie zuerst
aus dem dimipfen Brunnen gekommen war, aber ob-
gleich sie ihm zulächelte, gewahrte er ihre Augen voll
Tränen und Trauer. Da bat er sie, ihm zu gestehen,
was ihr fehle. Sie entdeckte ihm, daß es um der Kin-
der willen sei, die sie ihm geboren haBe, denen es, da
sie halb von Menschenblut entsprossen, verwehrt sei,
gleich ihr ins Reich der Dämonen einzugehn, wie sie
um ihrer Abstammung von der Mutter willen auch
nicht unter den Menschen hausen könnten und der-
art friedlos und unstet allzeit umherirrten. Sie blickte
ihn an und bat ihn mit süßen Worten, er möge um
ihrer Liebe willen vor seinem Tod ihren Kindern noch
einen Ort schaffen, wo sie ohne Qual imd Verfolgung
leben könntai, bis ihr Ende käme, denn ihre Frist sei
wohl nicht so kurz wie die Wandlungen der Men-
schenseele, aber auch nicht von ewiger Dauer wie das
Leben der Dämonen.

Der Mann verhieß es ihr, daß ihr Geschlecht nach
seinem Tode wieder in sein Haus zurückkehren und
dort für immer bleiben dürfe. Sie dankte ihm mit
lieblichen Gebärden und schwand.
Des andern Tags hieß der Mann seinen ältesten Sohn

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vor sich kommen und trug ihm auf, er möge nach sei-
nem Tode mit der ganzen Familie und allem Gut hin-
wegziehn, und das Haus möge leer stehen und ge-
mieden werden von ihm und allen kommenden Ge-
schlechtem. Der Sohn nahm einen Eid auf dieses
Wort, und als der Vater tot war, zog er hinweg. In
der nämlichen Nacht stieg die Sippe der Dämonen
aus dem Brunnen auf und nahm Besitz von ihrem
Gut.

Und nun höre mich, Meister Joel, der ich hier bin, imi
für mein unseliges Geschlecht zu reden.
Eines Menschen und einer Dämonin Sohn, heimisch
in keinem Reich der Erde und in keinem anderen
Reich, lebe ich mit den Meinen in Dämmerung und
Schatten, von den Menschen aus dem ims gewährten
Raum verdrängt. Darum gib uns unser Recht.«
Die Stimme in der Luft schwieg.
Es tat Rabbi Joel den Spruch, der Maim aus dem Ge-
schlecht des Goldschmiedes möge hinwegziehen, und
das Haus möge geräumt und verschlossen werden,
und keine Hand solle fürder daran rühren.

36

DIE NEIDGEBORENEN

In der Stadt Lublin wohnten einst zwei Schüler, die ein-
ander sehr zugetan waren. Sie gaben sich gemeinsam
der heiligen Weisheit zu eigen, lebten zusammen im
Hause des Rabbis, und keiner mochte ohne den anderen
irgend etwas vornehmen. Der eine, der etwas jünger an
Jahren war und es durch sein freies und heiteres Wesen
noch mehr schien, hatte ein wohlgefälliges Ansehn
und wurde von allen Juden der Stadt geliebt. Das Ler-
nen in den heiligen Büchern war ihm überaus leicht,
und er hatte trotz seiner Jugend viel der großen Dinge
in sich geborgen, freilich nicht zutiefst erfaßt. Dies
aber war ihm und auch allen kaum offenbar, die
seinen Jugendreiz schauten, vielleicht nur seinem
Freunde, der ihn jedoch darum nicht weniger liebte.
Ja, er war ihm dadurch wohl noch treuer. Denn seine
eigene Seele entbehrte der Helle und Leichtigkeit, und
die Fülle dieser Eigenschaften erschien ihm am Ge-
fährten berückend. Er selbst hatte ein verschlossenes
Anditz und schien kühl von Gemüt, aber seine Seele
war die Stätte eines dunkeln Feuers, und er lebte in
einer schrankenlosen Hingabe an das Geheinmis der
Lehre. Wohl wußte er weniger als der Freund, und

37

auch dies Wenige trat ihm nur widerwillig auf die
Zunge, Im Verborgenen aber drang er in das Herz
der Offenbarung ein, in großer Leidenschaft hing er
an den Rätseln der Tiefe, und er hatte Stunden, in
denen er dem Ewigen nahe war. Die Freundschaft zu
dem jüngeren Genossen pflegte er wie eine sehr lieb-
liche Blume, mit der er, gleichsam dieses einzige Zu-
geständnis dem Irdischen gewährend, seine düstere
Seele schmückte.

Da fügte es sich, daß unter manchen anderen auch
einer der angesehensten Juden der Stadt ein herz-
liches Wohlwollen zu dem jüngeren der Genossen ge-
wann, ihn unter Zeichen der Geneigdieit in sein Haus
zog und sich endlich den Wunsch nimmer versagen
wollte, ihn zu seinem Eidam zu machen, indem er ihm
die einzige Tochter vermählte, deren Schönheit in der
ganzen Stadt bekannt war. Dem Schüler sagte es wohl
zu, in eine reiche und vornehme Familie einzutreten
und ein reizendes Mädchen zum Weibe zu gewinnen,
und da sein Meister, der heilige Rabbi von Lublin, zu
dem Bunde riet, kam das Verlöbnis zustand.
Es war an dem Tag, an dem der Eheverträg geschrie-
ben werden sollte, da der ältere der beiden Freunde
zugleich mit dem Rabbi von Lublin, um dem jungen
Genossen an seinem Ehrentage das Geleit zu geben,
in das Haus des Brautvaters kam, das er bisher nie be-

38

sucht hatte. Während die schicklichen Gebräuche mit
aller Würde und Feier, die die reiche Verwandtschaft
für angemessen hielt, vollzogen wurden, sah der
Freund des Bräutigams zum erstenmal die junge
Braut. Sie war, wie sie im Munde der Welt lebte, von
herzergreifender Schönheit und stand wie traumge-
boren da, während ihr Vater sie wie ein köstlidies,
aber lebloses Geschenk unbefragt dem fremden Manne
gab. Da verstand der zweite Schüler, daß ihre Seele
noch in ihr ruhte und sich keinem Manne zuwandte,
dem Bräutigam nicht imd keinem anderen. Er wußte
wohl, daß der junge Freund sie gewinnen würde, aber
er fühlte noch sicherer, daß sie hätte sein werden kön-
nen, wenn des Vaters Wahl auf ihn gefallen wäre, und
daß er die noch Schlafende hätte glühender und iimi-
ger erwecken können. Und er fühlte, daß der Freund,
dem wahren Leben fremd, doch nur ein bezaubernder
Tor war, dessen Kinderseele mit der herrlichen Frucht,
die ihm zufiel, nur zu spielen verstünde. Da erfüllte
ihn der Verlust mit ätzendem Weh, und ein grimmi-
ger Neid wurde in ihm geboren. Er verließ das Fest
und mied den Freund und dessen neue Heimat von
der Stunde an. Aber auch in der heiligen Weisheit
fand er keine Ruhe, denn es war ihm, als sei ihr We-
sen tot und einzig das Leben mit einer lebendigen
Seele, von der er träumte, daß sie wie blühend weißes,

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duftendes Wachs in seiner Hand gewesen wäre, be-
gehrenswert.

Im Hause des heiligen Rabbi erachtete man ihn für
einen KJranken und erwies ihm alle zarte Güte und
Schonung.

In seiner Kammer über dem Werke der Erkenntnis
war er nimmer zu finden, vielmehr trieb ihn die Un-
rast im Gemüte umherzustreifen, und man konnte ihn
nunmehr häufig vor der Stadt auf abseitigen Wegen
irrend antreffen. Es war ihm oft, als wachse der dunkle
Hang so gar ins Unermeßliche, daß der begrenzte
Raimi des Hauses ihn zu beengen schien; auch mochte
er draußen im Schreiten durch Wildnis und Gestrüpp,
die die Stadt umfingen, leichter den wirren Gängen
seiner Seele folgen.

Eines Abends, als er auf dem Heimwege sich zur
Stadt kehrte, gramvoll müde, da sein Geist sich wie-
derum an das Geschick des Freundes geheftet hatte,
gesellte ein fremder Jude sich wandernd ihm zu. Bei
seinem Anblick fuhr der Schüler zusammen, denn der
Mann war mit einem Male neben ihm gegangen,wie
aus einem der grauen Wiesennebel aufgestiegen, die
rings über die Felder wallten. Kein Laut hatte sein
Kommen gemeldet.

Der Fremde aber grüßte zutraulich, und so ließ der
Schüler sich ein Gespräch gefallen, zudem der Wan-

40

derer sich als ein Chaßid zu erkennen gab, der mit jü-
dischen Leuten und deren Leben in der Stadt Lublin
wohlbekannt schien. Er tat auch gleich nach dem hei-
ligen Rabbi ehrerbietige Nachfrage, wie es um sein
Haus und um sein Wirken bestellt sei, und welche
Schüler wohl bei ihm zu finden seien. Da tat ihm der
Jüngling denn zu wissen, daß er selbst einer sei aus
der Schar, die die Weisheit des Meisters nach Lublin
gezogen habe. Als er dieses vernommen hatte, äu-
ßerte der Unbekannte seine Freude und meldete dem
Schüler, er sei eben dazu hergezogen, um unter den
jungen Leuten im Hause des Rabbis Nachschau zu
halten. Denn in einer kleinen Stadt, gar nicht allzu
weit vom Ort, habe ein reicher und wohlgerühmter
jüdischer Mann ihn abgesandt, hier in Lublin für ihn
einen Eidam zu suchen, dem er die einziggeliebte
wunderschöne Tochter geben möchte. Und nun, ver-
meinte der Fremde, habe er den richtigen Mann so-
gleich gefunden, noch ehe er die Stadt betreten. Und
er lud den Schüler mit viel freundlichen Worten ein,
schon morgen ihm in des Juden Haus zu folgen, wo sie
alles wohl zu bereden und zu ordnen vermöchten.
Indem der Schüler all dies hörte, war es ihm, als sei es
gut so zu tun; vielleicht fände er der kranken Seele
Heilung, wenn er das Gesetz erfüllte und ein Weib
nahm^ und vielleicht ließe alles so glücklich sich an,

41

daß er keinen mehr zu beneiden hätte. So sprach er
»Ja«, und sie beschlossen, daß sie früh am Tage mit
der aufkeimenden Helle am Ende der Stadt sich fin-
den und den Gang zum Hause des Brautvaters tun
wollten. Dann schieden sie als gute Freunde.
Der Schüler ging in seine Kammer und harrte die
Nacht über ohne Schlaf aus. Wohl versuchte er seine
Seele betend zu bereiten, aber es gelang ihm nicht, sie
zu sammeln. Als die Nacht zur ersten Morgenstunde
erblich, ließ er des Rabbis Haus, in dem alles noch
schlief, ohne Urlaub zu nehmen, und ging im Däm-
mer durch die Gassen zu dem Ende, wo er den Frem-
den fand.

Sie wanderten in die frühe Stunde hinaus, den Weg,
auf dem sie einander gestern begegnet waren. Allein
bald hörte für den Schüler das bekannte Land auf. Sie
gerieten in eine waldige Wirrnis. Der Weg wurde so
eng, daß die Sträucher rechts und links über ihm zu-
sammenschlugen, der Boden schien unbetreten, Moos,
Gras und Blüten bedeckten den Pfad. Sie schritten
stundenlang, ohne daß irgend etwas sich um sie
änderte. Der Führer glitt schattengleich vor dem
Jüngling einher; ohne zu ruhen, schien er niemals
müde zu werden. Zuweilen wandte er sein Gesicht,
und dann empfand der Schüler stets ein leises, frem-
des Grauen, denn das Anditz war immer gleichsam

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ein anderes und dennoch dasselbe. Es war in dem
Walde völlig still, keines Tieres Schrei, kein Vogel-
ruf, selbst die überhängenden Zweige bogen sich ohne
Laut zur Seite. Mit schier klanglosem Munde sagte
der Führer selten ein aufmunterndes Wort. Der Jüng-
ling aber war so sehr in seinen Gedanken befangen,
daß er der seltsamen Umstände wenig achtete. Ohne
Rast und Labung gingen sie weiter. Ein schwach ge-
röteter Abendschein leuchtete schon durch die lich-
terstehenden Stämme und bald verließen sie den
Wald. Sie waren in einer bläßlichen Landschaft, über
der auf silbrig hellblauem Hinmiel der Mond ver-
schleiert hing. Vor ihnen schien weißer Nebel ein
Stadtbild zu bergen. Da faßte der Schüler die kühle
Hand des Gefährten und zog ihn vorwärts. Jetzt
mußte die Stadt beginnen. Sie hielten vor einem gro-
ßen, massigen Bau, dessen Umrisse ungewiß aus dem
Nebel aufstiegen. Der Fremde blieb an einer Pforte
stehen, hob die Hand und ließ einen metallenen Klop-
fer gegen das Holz der Tür fallen. »Wo sind wir?«
fragte der Schüler. »Am Ziel!« gab jener zurück. »Ist
die Stunde nicht zu spät«, meinte der Jüngling, »um
in eines Juden ehrbares Haus zu treten?« »Die Zeit ist
gut«, sprach der Führer.

Die Tür hatte sich inzwischen geöfihet, aber da war
keiner zu sehen, der sie aufgetan hätte. Sie schritten

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über lange, wirr gewundene Gänge. Dann hob der
Führer einen Vorhang. Sie traten in ein großes Ge-
mach. Der Schüler gewahrte zum ersten nur einen
Schimmer von bräunlich verdunkelten Golde und
verblichenen Farben an den Wänden und sah Wölk-
chen eines Räucherwerkes die Luft beschweren. Dann
klärten sich die Gegenstände. Alles war von einer
ernsten, erhabenen Pracht, alt und schier königlich
von Ansehn. Er sah drei Gestalten sich lösen aus dem
herben Dunst, der, aus einem bronzenen Becken auf-
steigend, den Raum erfüllte. Mann und Weib, beide
grauhaarig und schon ein wenig gebeugt, mit schwe-
ren kostbaren Gewändern angetan, redeten ihn mit
Namen und Gruß an und wiesen ihm die Tochter, die
er zum Weibe nehmen sollte. Sie hatte ganz im Hin-
tergrunde gesessen, von ihm bisher nur schattenhaft
gewahrt, und erhob sich nun, schlank und hoch. Mit
sehr weißem Angesicht kam sie durch die duftende,
bläuliche Luft auf ihn zu, stand vor ihm und verneigte
sich. Er sah, daß ihre Augen dunkel waren, voller
Wehmut und glitzerndem Hohn, und ihr Haar eine
schwarze Woge. Ihr Anblick fiel wie der Blitz in sein
Herz und erfüllte es mit einer ungekannten, stechen-
den Freude. Das Mädchen hatte das Ansehen der
Braut seines Freundes, die er begehrt hatte. Es hatte
ihre Züge; nur schwankender, fremder, geheimnisrei-

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eher. Da blickte er auf die Alten : auch sie glichen dem
Brautvater und der Brautmutter auf der Hochzeit sei-
nes Freundes; nur älter, bleicher schienen sie und tru-
gen wie die Tochter fremdartige Kleider.
Nun legten sie den Ehevertrag vor ihn auf einen
Tisch. Das Schriftstück war geschrieben mit bläßlich
roten Lettern auf einem starken gelblichen Blatte,
und es ermangelte nichts als sein Name.
Da verneigte sich der Jüngling und sprach, er wolle
gehen und seinen heiligen Lehrer herführen, damit
der ihm Zeuge sei zu seiner Vermählung, und hoch-
zeitliche Gewänder antun und wiederkommen und
die Braut empfangen. Und wie er dies sagte — seine
Stimme verzitterte seltsam in der Luft— schienen ihm
die drei Gestalten zu erbleichen und zurückzuschwan-
ken, und es war, als ob selbst der Tisch vor ihm ent-
weiche. Da streckte er angstvoll die Hand aus, um
alles zu halten, fühlte das Blatt in seiner Hand, barg es
rasch in seinem Rock, neigte sich abermals wie im
Traum und ging hinaus.

Bald fand er sich in dem Walde, durch den er herge-
konmien war, die Seele voll von einer wirren, betäu-
benden Wonne. Er ging die ganze Nacht, fast ohne
sein Gehen zu verspüren; es war, als ob der Boden
ihn vorwärts schöbe.
Im Morgengrauen fand er sich auf einer bekannten

45

Landstraße wenige Meilen vor Lublin. Er fühlte plötz-
lich eine Kälte in allen Gliedern, und ein lähmendes
Entsetzen kroch ihm in die Seele. Er tastete mit der
Hand nach dem knisternden Blatt in seiner Tasche,
und die Hand schmerzte, als hätte sie Feuer berührt.
Es war ihm nun, weim er des Mädchens gedachte, das
sein werden sollte, als stehle er seines Freundes ein-
stige Braut, und die Ähnlichkeit wurde ihm zum
peinigenden Schrecken.

Als er die Stadt betrat, begegneten ihm Juden, die
zum Morgengebet gingen. Er senkte die Stirn voll
Scheu wie ein Gezeichneter und eilte nach Hause. So-
gleich trat er in die Stube des Rabbis, der sich eben
vom Gebet erhob und das Auge auf ihm ruhen ließ.
Unter diesem Blicke gewann der Schüler Besinnung
und Mut und sprach zu dem Lehrer von allem, was
ihm begegnet war, holte den Ehevertrag aus der
Tasche und legte ihn vor dem Heiligen nieder. Der
sah das Schreiben an und sprach: »Wirf dich zur Erde
und harre aus im Gebet! Es tut not, daß ich die Braut-
eltem mit der Braut rufe, auf daß sie bald hier erschei-
nen.« »Meister«, erwiderte der Schüler, »wenn du auch
gleich Boten sendest, und wenn sie sich augenblidss
auf den Weg machen, so können sie vor morgen bei
Tagesanbruch nicht hier sein.« »Da sei unbekümmert«,
sprach der Rabbi, »raffe deine Seele zusammen und

46

bete ohne Unterlaß!« Und sogleich warfauch er sich
zur Erde und tat ein starkes Gebet zum Himmel. Es
währte wohl eine Stunde, daß die beiden so lagen und
beteten. Da sprang die Tür zu des Rabbis Gemach auf,
imd vor der Schwelle standen die drei, Brauteltem
und Braut, und konnten sie nicht überschreiten. Sie
waren anzusehn wie Gestorbene mit gebrochenem
Blick, ein fahler, grünlicher Schein ging von ihren Ge-
sichtern aus, imd sie hoben die Arme flehend gen
oben.

Es stand der Rabbi auf und rief mit gewaltiger Stimme
dreimal deh heiligen Namen über die Dämonen. Schon
zerflossen die Gestalten und schwanden in der Luft.
Der Meister befahl dem Jüngling, er möge den Ver-
trag zerreißen, der tat es, und die Stücke des Blattes
zerfielen in Staub. Da erklang das zitternde Seufzen
der Erlösung durch das Zimmer. Der Rabbi aber und
sein Schüler sanken nieder und sprachen ein Dank-
gebet.

47

DIE WANDERSCHAFT DES KINDERLOSEN

Ein Anhänger des Maggid von Kosnitz, ein frommer
Chaßid, pflegte mit jedem Mondwechsel seinen Mei-
ster aufzusuchen. Bei jedem dieser Besuche band er
dem Rabbi seit vielen Jahren das nämliche Anliegen
auf die Seele, daß er, der schon an der Schwelle des
Alters stehe, mit seinem Weibe in der langen Zeit
ihrer Ehe kein Ejnd gewonnen habe, und er bat ihn,
das Verhängnis von ihm zu nehmen, damit, wenn er
einst stürbe, ein irdisch Teil von ihm bliebe. Rabbi
Israel pflegte ihn geduldig anzuhören und ihm dann
freundlichen Abschied zu geben, doch war er bisher nie
mit einem Wort auf seine Bitte eingegangen.
Eines Abends redete der Mann mit seinem Weibe wie
an vielen Abenden vordem von ihrem Unsegen, und
da geschah, daß das Weib nicht wie sonst ergeben vor
sich hinklagte, sondern der Schmerz brach ungestüm
hervor, mit Heftigkeit flössen die Tränen, ihre leiden-
schafdiche Bewegung rüttelte auch den Mann auf, daß
er wie mit neuen Augen auf seine Gefährtin blickte.
Und er fühlte, daß auch noch die Scham der Un-
fruchtbarkeit auf ihr lastete. Da erfaßte ihn ein bren-
nendes Erbarmen, imd es kam ihm in den Siim, wie er

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diesmal den Rabbi noch herzlicher als sonst mit sei-
nem Kummer bedrängen und nicht innehalten wollte,
bis jener sein Wort gesprochen habe. Dies sagte er der
weinenden Frau. Froh und ungeduldig zugleich griff
sie den Gedanken auf und beredete den Mann mit viel-
fältigen Vorstellungen, doch ja nicht den nächsten
Monat abzuwarten, sondern ungesäumt die Reise zu
tun. Ihrem Ungestüm vermochte er nicht zu wider-
stehn. So eilte er schon mit dem kommenden Tag
nach Kosnitz und eröffnete dem Maggid sein Herz.
Diesmal hörte Rabbi Israel ihm so freundwillig zu,
daß Zutrauen und Hoffnung, noch während er sprach,
ihn beflügelten. Als er aber geendet hatte, währte das
Schweigen so lang, daß sein froher Mut sich wieder
minderte.

Endlich redete der Rabbi:

»Freund, es kann dir wohl geholfen werden, doch ist
mir bang, dich auf den Weg zu weisen, der zum Ziele
führt.

Sieh, schon liegt dein und deines Weibes Leben im
Schatten des Niedergangs, und soll euer Wunsch sich
noch erfüllen, so mußt du den Gewinn eurer arbeits-
reichen Jahre und die Geborgenheit eures Alters, all
euer Gut mußt du hinopfem. Den Sohn wirst du noch
in deinen Armen halten, aber in Dürftigkeit, mühselig
und sorgenreich wirst du seiner Jugend warten.

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Geh hin und berat es mit deinem Weibe, und ist sie’s
zufrieden, so kehr wieder, dann will ich dir den Weg
weisen.«

Der Chaßid wanderte heimwärts und alles, was der
Maggid ihm entdeckt hatte, erzählte er seinem Weibe.
Da sah er, während er redete, wie sie aus tränermassen
Augen ihm zulächelte. Ein Schimmer von Holdselig-
keit kam über sie, und jung und unverdrossen schien
sie ihm, wie damals, als er sie gefunden und erwählt
hatte vor vielen, vielen Jahren. Sogleich war sie wil-
lens und bereit zu aller Arbeit und aller Entbehrung
und wollte keine Bitterkeit auf Erden erkennen, wenn
ihr noch vergönnt würde, ein Kind aus ihrem Leibe
im Licht der Sonne auf ihren Armen zu wiegen.
»Sieh,« sprach sie, »die Unfruchtbaren frösteln ihr
Lebtag schon im Todesschatten, was soll mir der
Wohlstand und das gemächliche Behagen, wenn ich
einst hinscheiden soll und lasse kein Teil hier auf Er-
den, in dem ich fortlebe.«

So machte der Chaßid, wie sie es wollte, sogleich ge-
duldig sich wiedenmi auf und eilte zum Maggid nach
Kosnitz, die verheißene Weisung zu empfangen.
Der Meister aber sagte:

»Nimm dein bares Vermögen und was an Goldeswert
etwa dir im Hause liegt, an dich, und was du an Gü-
tern oder Liegenschaften besitzest, mußt du sogleich

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veräußern und in bares Geld umwandeln. Damit rüste
dich aus und wandre nach Lublin zum Rabbi Jaakob
Jizchak. Ihm mußt du sagen, daß ich dich ihm zuge-
sandt habe, und aus seinem Munde empfängst du als-
dann den Spruch, der dein Schicksal wendet.«
So tat der Maim, ging heim, verkaufte all sein Gut
und nahm das Geld in seinen Beutel an seinem Leibe
mit auf die Wanderschaft. Das Weib half ihm guten
Willens in allem, gab ohne Bedauern Bequemlichkeit
imd Schmuck dahin und verhieß ihm obendrein, in-
des er ihrem Glücke nachzog, sich bis zu seiner Heim-
kehr von ihrer Hände Arbeit zu ernähren.
Nun reiste er unverzagt nach Lublin, wo er bei dem
Rabbi Jaakob Jizchak, dem großen Seher »von Po-
len«, sich meldete, wie der Maggid von Kosnitz ihn
angewiesen hatte.

Der Lubliner hörte ihn mit verschlossener Seele an,
und wenig Trost hatte er aus der Aufnahme. Mit
trockenen Worten wurde ihm die Weisung, sich in
der Stadt niederzulassen und zu harren, bis die Zeit
reif sei, sein Geschick zu lösen. Mit kurzem Gruß ent-
ließ der Meister ihn aus seinem Gemach, nachdem er
ihm bedeutet hatte, er würde ihn rufen lassen, wenn
die Stunde da sei.

Er nahm in einer bescheidenen Herberge Quartier und
wartete geduldig viele Wochen. Nach einer Weile be-

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gann er zu fürchten, der Rabbi möchte seinerund sei-
ner Sache völlig vergessen haben. Er mengte sidi da-
her unter die Schar der Schüler, und in ihrer Mitte kam
er zuweilen in desRabbis Haus, in derHoffiiung, dessen
Auge auf sich zu ziehen und ihm seine Sache in der
Erinnerung wachzurufen. Allein es schien, daß der
Meister es mit Fleiß mied, seiner ansichtig zu wer-
den, und aus dem freudigen Warten wurde bleierne
Pein. Traurig lebte der Chaßid seine Tage hin, vol-
ler Sorge um sein Weib daheim, das in Kümmernis
sich durchschlagen müßte, indes er, dem Geheiß des
Maggids folgend, untätig blieb, Tag und Nacht des
Rufs gewärtig. Seine Barschaft schmolz, so sehr er
sich auch mit geringer Kost beschied, und dies machte
ihm Sorgen, denn so konnte er im Lauf der Zeiten
zum Bettler werden, ehe der Rabbi seiner dachte.
Unvermutet traf ihn endlich der Ruf, den er so sehn-
lich erwartet hatte, und so redete Rabbi Jaakob Jizchak
zu ihm:

»Deinen Meister, den Maggid von Kosnitz zu ehren,
werde ich dir zu Hilfe sein, und meine Hände werden
den Knoten lösen, in den die Fäden deines Schicksals
verstrickt sind.

Entsinne dich, wie in deinen Knabenjahren deine El-
tern einem Mädchen dich verlobt hatten, und wie du
es späterhin verlassen hast, um einer andern dich zu

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verbinden, die deinen Augen wohlgefiel. Deinetwe-
gen hat ein Geschöpf unverdient Bitterkeit und
Schmerz des Verstoßenseins erduldet, du aber bist
deines Wegs gegangen und hast ihr Leid von deinem
Herzen abgeschüttelt. Damals hast du die Fessel ge-
schmiedet, die die Freude deines Lebens gefangen
hielt, die Tränen der Verlassenen haben dein Eheweib
unfruchtbar gemacht. Willst du das Verhängnis lö-
sen, so mußt du hingehn, die zu suchen, die du einst
so hart gekränkt hast, und ihr Verzeihn erbitten, so
völlig, daß auch nicht ein Funken von Unwillen wi-
der dich in ihrer Seele weiterglimmt. Versteh aber
wohl, sehr entrückt ist dir der Ort ihres Weilens, un-
ter vielen Nöten wirst du sie aufsuchen müssen.
Jetzt zieh nach Balta zu jenem Markt, den sie den grü-
nen Sonntag nennen. Forsche ohne Rast ihr nach von
der ersten bis zur letzten Stunde, nie sei darin müßig
und lasse das Zagen nicht Herr über dich werden.
Mehr zu sagen ist mir nicht gewährt, dir aber ist be-
fohlen, zu suchen und nimmer müde zu werden. Geh
hin, und jfindest du die Frau, so trachte, daß du er-
füllest, was sie zur Sühne von dir begehrt.«
Der Mann sagte seinen Dank, machte sich reisefertig
und wanderte nach Balta. Mit beklommenem Gemüt
erwartete er den ersten Markttag. Im Morgengrauen,
als die letzten Buden noch zurechtgezimmert wurden,

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stand er schon da und sah zu, wie der Platz sich füllte,
bis der wirbelnde Marktlärm um ihn kreiste. Dies
laute Treiben war ihm fremd und tat ihm weh. Doch
hielt er ihm stand von der frühesten Stunde bis zur
letzten niedersinkenden der Nacht und wich nicht
eher, bis der Platz öde lag und keine Seele mehr zu er-
blicken war. Und so tat er den ersten Tag wie den
zweiten und jeden künftigen. Und er hörte auf jede
Stimme, blickte in jedes Gesicht und fragte jeden,
der ihm Rede stand, um eine Spur von jener Frau
zu finden, die in Jugendtagen ihm angelobt gewesen
war.

So ging Tag um Tag hin, kein Blick und keine Worte
führten ihn zu seinem Ziel, todmüde, hungrig, das
Herz von Enttäuschung verzehrt, stand er die vielen
Tagesstunden unter Marktschreiern und Feilschem
zwischen den Ständen umher. So kam der letzte Tag.
Die Kauf leute packten ihre Waren zusanmien imd lu-
den Säcke und Kisten auf ihre Wagen, die Fremden
verließen in Scharen die Stadt, der Abend nahte, im
letzten Tageslicht riß man schon die Buden nieder.
Diesen Tag hatte der Chaßid ohne Rast wie ein Fie-
bernder alle Gassen durchstreift und vor allen Herber-
gen gestanden. Angstvoll hatte er in jedes fremde
Frauenantlitz gespäht und jeden Ton einer fernen
Stimme aufgefangen, vergebens wie vordem, und nun

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ging der Markt zu Ende, die Frist lief ab und seine
letzte Hoffilung starb hin.

Plötzlich bezog sich der Himmel, ohne Dämmerung
ging der Tag in nächtliche Finsternis über, ein hef-
tiger Regenschauer prasselte nieder, die Leute ließen
Arbeit und Waren im Stich und flüchteten vor der
eindringenden Nässe in die nächsten Häuser. Erst als
das Wasser seine Kleider bis auf die Haut durch-
netzte, schrak der Chaßid auf und sah sich nun auch
nach einer schützenden Stelle um. Unfern gewahrte er
einen großen finstem Torbogen, eilte auf ihn zu und
trat ein. Abgemattet wollte er seinen Körper gegen
die Mauer lehnen, da kam ein Knistern und Rauschen
an sein Ohr, als habe er ein seidenes Frauenkleid ge-
streift. Scheu wich er beiseite, den Raum zwischen
sich und der Trägerin freizugeben, den die Sitte ge-
bot. Er blickte ein wenig auf und gewahrte jetzt, da
sein Auge sich an die tiefe Dunkelheit des Ortes ge-
wöhnt hatte, neben sich zwei Frauen, die er vordem
bei seinem eiligen und zerstreuten Eintritt nicht wahr-
genonmien hatte. Doch hatte er ihrer schon nicht
mehr acht — so sehr hatten seine trübseligen Gedan-
ken ihn wieder in ihren Strudel gezogen—, als ein selt-
samer Ton ihn aufschreckte. Eine der Frauen lachte;
es war die, die ihm zunächst stand. Sie lachte mit
klanglosen, schmerzlichen Lauten, zuweilen mengte

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ein schwingender Ton sich ein wie von zartem, zer-
springendem Glas. Jetzt aber redete sie mit verhalte-
ner Stimme, und doch vernahm er jedes Wort: »Sieh,
diesem war ich als Kind angelobt, und er war es, der
mich alsdaim von sich stieß. So groß ist sein Abscheu
noch heute vor mir, daß er um alles bedacht ist, meine
Nähe zu meiden.«

Dem Mann stand alles Blut im Herzen still. Er sah aus
brennenden Augen durch den dunklen Raum auf die,
die sprach, und sah endlich ein hochgestrecktes, blei-
ches Weib, mit starren, schwarzen Kleidern festlich
angetan, Haar und Angesicht schimmerten halb ver-
hüllt unter Schleiern, an Brust und Händen aber fun-
kelte kostbares Geschmeide auf. Je länger er sie an-
sah, um so banger wurde sein Mut. Endlich raffte er
sich auf, näherte sich ihr, und mit gesenktem Blick
sagte er voll Zagen: »O Frau, was redest du.^« Ihre
Stimme zitterte verschwebend über ihn hin: »Herr,
bin ich denn von dir vergessen wie der Tote vom
Herzen? Ja, ich bin das Mädchen, das dir in Kinder-
tagen angelobt war und später dir so unwert schiene
Aber was tust du hier?«

»Frau,« erwiderte er, »laß dir schlichtweg sagen, ich
bin deinethalb hergekommen. Ich will dir nichts ver-
hehlen in dieser Stunde. Meine Ehe war ungesegnet,
mein Weib ist unfruchtbar und mir kein Kind ge-

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boren. So sind unsre Tage in Trübsal verflossen. Sieh,
nun aber hat der Rabbi von Lublin mir die Augen auf-
getan, und ich weiß, mein Leben ist an den Schmerz
gefesselt, den ich dir angetan habe. Nur wenn du mir
verzeihen kannst bis zum letzten Frieden, nur dann
bin ich erlöst von der Klammer meiner Schuld, und in
den Tagen unsres Alters wird mein Weib mir Kinder
geben, und wir werden spät noch des Lebens froh.
Durch unendliches Ungemach bin ich gegangen, um
dieses Tages willen. Ach, Frau, nun tu du Gnade an
mir! Was du über mich verhängen wirst, mein Un-
recht zu sühnen, ich will es vollführen.«
Die Frau wandte ihm ihr Angesicht zu und sagte leise,
so daß jedes Wort wie eine Perle von ihrem Mund
sich löste xmd in sein Herz fiel: »Herr, unser Gott war
mir gnädiger, als du heute ermessen magst, irdisch
Gut frommt mir nicht mehr, und an keiner Sühne
hangt mein Frieden. Aber höre, fem von hier lebt mir
ein Bruder, bei Suwalki auf einem Dorf. Er ist recht-
schaffen und fromm, aber sein Haus ist in schwere Ar-
mut geraten. Eben um diese Zeit soll er seine Tochter
vermählen, doch fehlt ihm alles, kein Heller ist in sei-
ner Tasche und kein Rat, wie er ihr die Ausstattung
schaffe. Wie es mir einst geschah, wird ihr geschehen,
sie wird verschmäht werden, und große Herzensnot
wird über ihr und den Ihren sein. Soll ich das Leid,

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das mir durch dich geschah, aus dem letzten Grund
meines Herzens tilgen, so wandre dorthin und wende
die Trauer von ihr und ihrem Haus ab. Zweihundert
Goldgulden tun not, damit alles gut zu Ende geführt
werde, gibst du ihnen das Geld, so ist geholfen.«
»Mit Freuden«, sprach der Chaßid, »will ich tun, was
du verlangst. Nimm sogleich das Geld aus meinen
Händen hin. Was frommt es uns, daß ich zu deinem
Bruder fahre, gib ihm selbst, schick’ es ihm durch
einen Boten; ganz, wie es dir gut scheint, magst du
alles bestellen. Mich aber laß heimkehren, mir ist nach
der Heimat bang.«

Da schüttelte die Frau sachte das Haupt und sprach:
»Nein, all dies zu tun ist mir versagt. Nur diese meine
Worte kann ich dir hingeben, das Erfüllen aber ist bei
dir. Bring dem Bruder meineGrüße, und lege selbst das
Gold in seine Hand. Leb wohl, meine Zeit ist um.«
Sie winkte ihrer Begleiterin, beide traten auf die Straße
hinaus, und schon schlang die Dunkelheit sie ein. Da
stürzte der Chaßid, von ihrer Rede und ihrem eiligen
Scheiden verwirrt, ihr nach, sie festzuhalten. Noch
einmal schimmerte ihr Antlitz auf, schon fem, doch
ihm zugewandt, und sagte voll Wehmut: »Freund,
vergebens folgst du mir, weit geht meine Reise. Eile
tut mir not.« Flüchtig hob sie ihre Hand zum Ab-
schied und war hinweg.

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Am nächsten Morgen trat der Chaßid die Wanderung
nach Suwalki an, und als er nach “Wochen mühseliger
Fahrt dort angelangt war, hielt er alsbald Nachfrage
nach dem Bruder seiner einstigen Braut. Man nannte
ihm ein nahes Dorf als dessen Wohnort, und so ließ
er ungesäumt Suwalki und suchte jenen Ort auf. Er
fand den Mann verschlossen und bedrückt, wenig ge-
neigt, dem unbekannten Gast sein Herz zu eröffnen.
Erst nachdem er viele Worte und viele Herzlichkeit
angewandt hatte, stand der Hausherr ihm Rede und
entdeckte ihm, wie schwere Sorge auf ihm laste, da er
in diesen Tagen die Tochter zu vermählen habe.
Durch mancherlei harte Zufälle, durch Mißernte und
Geiz seines Pachtherm habe er die Mitgift des Mäd-
chens aufbrauchen müssen, um seinen übrigen Haus-
stand das Leben zu fristen. Die Verlobung sei schon
in den Kindertagen der Braut geschlossen, als er und
die Seinen noch im Wohlstand lebten, allzusehr hätte
sein Unglück ihn von den Verhältnissen des Bräuti-
gams entfernt, und sei er nun nicht imstande, den Ehe-
vertrag einzuhalten, so würde dies der Familie desVer-
lobten zum willkommenen Anlaß, das Band zu lösen,
denn längst sähen sie mißgünstig auf die Armut der
Braut, und nur Sitte und Ehrbarkeit binde sie. Sein
Kind aber fiele der Verachtung anheim, schon seit Wo-
chen sitze sie darum trosdos weinend in der Kammer.

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»Nun, Freund,« sagte der Chaßid, »sei nicht also ver-
zagt, vielleicht kann ich dir Rat schaffen!«
»Ach,« erwiderte jener, »wie kämst du, ein Fremdling,
dazu, mir zu helfen?« Und er lächelte bitter und un-
gläubig vor sich hin.

»Nun,« sprach der Chaßid, »sieh, ich habe die zwei-
hundert Goldgulden bei mir und weiß just keine bes-
sere Anwendung dafür, als daß ich dir sie anvertraue,
solange du sie gebrauchst!«

Allmählich schöpfte der Hausvater Vertrauen zu dem
Fremden, dessen ehrliches Gesicht ihn einnahm, und
nun wollte er wissen, wie es denn käme, daß er als
Unbekannter solche Gnade vor seinen Augen gefun-
den habe.

Da meinte der Chaßid, es sei nun an der Zeit, daiß
auch er sein Geschick imd seine Sendung enthülle,
und er begann, indem er sagte: »Ester Schifra, deine
Schwester, hat mich hergesandt und mir geboten, dir
Hilfe zu leisten!«

Der Hausherr aber wandte bei diesen Worten sein
Gesicht abseits, und mit schwankender Stimme tat er
die Frage: »Wo hast du meine Schwester zuletzt ge-
sehen, und wann hat sie dir befohlen, also zu tun.^«
»Vor edichen Wochen,« sagte der Chaßid, »es war
auf dem großen Markt zu Balta, habe ich sie wieder-
gefunden nach vielen Jahren, da erzählte sie mir von

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deinem Mißgeschick, und sehr lastete dein Leid auf
ihrem Herzen. Sie hat mich angewiesen, unverzüg-
lich dir zu Hilfe zu eilen, und siehe, darum bin ich
hier!«

»Narr,« schrie nun der Hausherr, »wie wagst du her-
zukommen, um meine Not so zu verhöhnen! Seit
fünfzehn Jahren ist Ester Schifra, meine Schwester,
tot, mit diesen meinen Händen habe ich ihr Grab be-
stellt und sie darin gebettet.«
Da seufzte der Chaßid tief auf und verbarg sein An-
gesicht. Endlich raffte er sich auf, und nun fand er
Worte, dem Bruder der Toten die Wahrheit zu wei-
sen. Als er Ansehn und Gewand der Frau im Torweg
beschrieb, traten jenem stille Tränen in die Augen,
und er sprach:

»Ja, so wie du sagst, von Angesicht und so geschmückt
hab’ ich vor fünfzehn Jahren sie ins Grab gelegt. Um
deinetwillen ist sie heraufgestiegen für eine Abend-
stunde, dir beizustehn. Darum, Bruder, darf ich ohne
Scham aus deinen Händen die Hilfe annehmen.«
Der Chaßid blieb zur Hochzeit. Dann gingen sie mit
Worten des Segens voneinander in Frieden.
Fortan lebte der Chaßid in großer Dürftigkeit mit
seinem Weibe, doch wurde ihr Bund gesegnet. Ehe
das Alter über beide kam, empfingen sie einen Sohn.

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DER TOTLEBENDIGE

Dunkel und verborgen waren die Wege des Rabbi
Leib, des Sohnes der Sara. Niemand kannte den Ort
seiner Geburt und seiner Kindheit. Aber schon einem
der früheren Gesdblechter hatte das Buch, das unter
dem Namen des Engels Rasiel geht, sein Kommen
verkündet. Wie eines Engels waren seine Taten, aus
tiefem Geheimnis ins Licht wachsend. Nirgends blieb
sein Fuß länger, als die Sendung es wollte, imd von
Ort zu Ort wanderte er in zeidosem Flug; die Erde
sprang unter ihm hmweg und er war im AufbUtzen
des Augenblicks an seinem Ziel. Er hatte die Gabe,
zu sehen imd nicht gesehen zu werden. Seine Stätte
war zumeist in Wäldern und auf Heiden, da stand er
oft in den langen Nächten vom Abend zum Morgen
ohne Bewegung. Man sagte, er löse die Seelen der To-
ten, die in der Welt des Wirrsals kreisen; denn es
steht geschrieben von der Bangnis der Seelen, die in
Wasserdünsten leben, in Steinen und Bächen und
Pflanzen und Holzspänen. Auch wußte man, daß er
die Sechsunddreißig kannte, die heimlichen Lenker
des Zeitgeschlechts, die sich in Dörfern bergen, in
Bauemtracht oder armselige Lumpen gekleidet, und

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ihnen Nahrung brachte. In jeder Zeit nämlich ist einer
der dies tut: der kennt die Orte der Sechsunddreißig
und ihre Namen, er kommt zu ihnen und sorgt für sie.
Man ahnte, daß Rabbi Leib den Elementen nahe war.
Und heute noch, wenn der Sturm auf seinem Feuer-
wagen über die Himmel fährt und das Rasseln der Rä-
der und der Schlag der Hufe hemiederdonnert, spre-
chen sie im Volk dreimal den Namen des Heiligen
und wissen sich geschützt.

Er selbst blieb der Menge fem, fem auch dem Treiben
der andern Zaddikim, Wenige empfingen die Gnade,
•seine Schüler zu sein. Sie sahen ihn verschwinden und
wiederkehren, sie hingen ihm an und stillten ihre
Seele an seinem Wort.

Da war aber eines, das ihnen schier unbegreiflich
schien, denn sie konnten es mit dem Wesen, das sie
sonst an ihrem Herrn kannten, nicht vereinen. Es war
nämlich sein Brauch, daß er zu jedem großen Markte
zog, der an irgendeinem Ort im Lande stattfand,
dort eine Bude mietete und sich dermaßen unter die
Händler imd Feilscher mengte.
In den Herzen der Schüler, die ein unverrückbares
Vertrauen zu der heiligen Bemfung ihres Meisters
stark in der Treue machte, lebte wohl eine Ahnung,
daß dies Tun ihres Herrn nicht eitel sei, noch von den
Zufällen der schwankenden Welt bestimmt, sondem

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seine Wurzeln im Urgrund alles Geschehens habe.
Allein wie sie auch raten und sinnen mochten, nie ge-
schah es, daß sie aus eigener Kraft zur Erkenntnis ge-
langten. So eröffiieten sie eines Tages dem Rabbi
selbst ihre Begierde, zu erfahren, was ihn triebe, von
Markt zu Markt zu fahren und sich unter die Söhne
des Alltags zu mischen. Der Meister erwiderte nicht
sogleich, sondern sah ihnen nur wehmütig mit einem
absonderlichen Lächeln in die Augen.
Derart überkam sie wohl das Feuer der Beschämung
und gebot ihnen Schweigen, aber bald war der Drang
zu forschen wieder stärker geworden, so daß sie den
Rabbi mit Fragen aufs neue angingen. Endlich ge-
schah es einmal, als sie ihn eben, während er auf
einem Markt in seiner Bude stand, wiederum befragt
hatten, daß er ihnen Stille gebot und sie dessen ach-
ten hieß, was sich nun begeben würde. Mit ausge-
strecktem Arm wies er wortios ins Gedränge auf
einen Mann, der nach Knechtesart einhergehend, ob-
gleich von schwacher Gestalt, auf seinen Schultern
eine ungeheure Bürde schleppte. Sie gewahrten, wie
der Meister seine Augen groß und zwingend auf den
Träger geheftet hatte, und es schien, daß von diesen
Augen ein Bann ausging, der den fremden Mann von
seinem Weg und seinem Geschäft abzog, denn er
schwankte einem Trunkenen oder Irren gleich mit

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einem Mal von seiner Richtung ab, suchend, wie
einer, der sich von weither rufen hört und nicht weiß,
von wo die Stimme kommt. So näherte er sich dem
Rabbi und den Seinen. Vor dem Meister blieb er
stehn, senkte seine Bürde zur Erde und blickte ihn
mit demütiger, wordoser Frage in dem fahlen Ant-
litz suchend an. Rabbi Leib beschied ihn mit einer
Gebärde nah zu sich heran, beugte sich zu seinem Ohr
nieder und flüsterte ihm einige Worte zu, deren die
Schüler nicht inne wurden. Da erhellte sich das Ge-
sicht des fremden Lastträgers wie von einem inneren
Licht. Er seufzte auf, als sei ihm ein langgehegtes
Leid abgefallen, neigte sich, nahm seine Last auf und
ging schweigend mit bestimmten Schritten von hin-
nen, seinem Ziele zu. Rabbi Leib gebot seinen Schü-
lern: »Ihr folgt diesem Manne und achtet, was er tun
wird!« Sie gingen dem Knechte nach und sahn, daß
er einem Kaufherrn angehörte, der am Ende des
Marktes seine Tische hatte, worauf die Waren ausge-
legt waren. Der Mann legte seine Bürde zu den übri-
gen Sachen und näherte sich sodann seinem Dienst-
herm, wartend bis er, der eben mit Käufern in Ge-
spräch und Tätigkeit war, Zeit fände, ihm Gehör zu
schenken. Die Schüler traten nach dem Geheiß ihres
Meisters heran, um zu sehen und zu lauschen. Nun
hörten sie, wie der Knecht zu seinem Herrn sagte, es

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sei ihm not, augenblicks hinweg zu gehn und sei-
nen Dienst zu lassen. Er bat, der Herr möge ihm den
Lohn ausfolgen, der ihm für seine Arbeit zukomme.
Der Kaufmann sah den Mann zornig und verächtlich
an und gebot ihm, dergleichen üble Scherze zu lassen,
da hiefür im Andrang des Marktes nicht Muße sei.
Der Knecht aber wiederholte nun seine Worte. Da
erkannte der Herr wohl, daß es Ernst sei, und wurde
von einer unbändigen Wut befallen. Schreiend schalt
er denDiener einen faulen und nichtsnutzigen Knecht,
der seinen Herrn im Stiche lasse, wenn die Arbeit sich
häufe, der sich nur füttern lassen wolle, wenn nichts
zu tun sei, und was derart bösartige Reden mehr wa-
ren. Eine Menge müßiger Gesellen, davon die Märkte
stets voll sind, liefen sogleich herzu, sich des Lärms
freuend, ja nach einiger Weile, da der Kaufherr es für
gut befand fort und fort zu zetern und zu klagen, lie-
ßen selbst Händler und Käufer ihre Plätze und kamen
herbei, zu sehen, was die Ursache des Geschreis sein
möge. Der Anblick der vielen Menschen aber stimmte
den Zornigen noch schlechter und er schwur, er wolle
keinen Heller Lohnes zahlen. Da wandte der Diener
sich, ohne länger seines Rechtes zu warten, und ging
leise hinweg, dessen der Händler, der immer weiter
seinen Grimm in heftigen Reden ergoß, nicht gewahr
wurde und die Menge nicht achtete. Die Schüler

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des Rabbi Leib aber lösten sich sogleich aus der
Schar und folgten dem Knechte nach. “Wie sie hin-
ter ihm hergingen, merkten sie, daß der Fremde,
der wie ein Irrlicht vor ihnen herglitt und dessen
Schritte die Erde nicht mehr zu hemmen schien,
in Sterbekleidem ging. Die Jünglinge hielten sich an
den Händen, und so zogen sie lang hinter dem
Wanderer her, ehe einer von ihnen den Mut gewann,
ihn anzuhalten und zu bitten, er möge ihnen sagen,
was zwischen ihm und ihrem Meister sich zugetragen
habe und welches sein Wesen sei, da er, so wunderlich
gewandelt, so wunderlich sich gebare.
Der Mann hob seinen Blick vom Boden und ließ sie
in sein von den Leiden ungezählter Jahre verstörtes
Angesicht schauen. Dann begann er zu sprechen.
Seine Stimme war wie ein Vogel, der nur im Flug den
Sand berührt, voll Begier, der Rast ein Ende zu
setzen und mit den Lüften zu gehen.
»Freunde«, sprach er, »ich bin ein Gestorbener seit
langer Zeit, lief so viele Jahre auf Erden einher und
wußte nicht, daß ich tot sei. Von meiner Seele ver-
lassen, an nichtiges Tun gebunden, hatte ich keine
Kenntnis von mir, sinnlos kreuzte ich die Pfade der
Welt. Da rief mich das Wort des gesegneten Meisters
und weckte mich zur Besinnung. Er hat mir die Er-
lösimg gekündet. Nun gehe ich, mich zu betten, wo

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das Lager mir bereitet ist.« So redend schwand er
hinweg und ließ die Schüler auf der dunkelnden
Straße.

Die aber hielten sich fester an den Händen. Sie wuß-
ten nun, warum ihr stiller Meister sich ins Getöse der
Märkte und Straßen wandte.

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NACHBEMERKUNG

Mit Ausnahme der ersten dieser Geschichten, die,
19 14 niedergeschrieben, mit der Zueignung »Den
Freunden im Feld gewidmet« in der Jüdischen Rund-
schau vom 26. November 19 14 veröffentlicht worden
ist, stammen alle aus der gleichen Zeit, in der ich an
meinen ersten chassidischen Büchern arbeitete. Wie
jene auf eine Erzählung des Riziner Rabbis zurück-
geht, so sind die drei letzten Geschichten Bearbeitun-
gen chaßidischen Legendenmaterials, der Stoff der
zweiten ist, wiewohl älteren Ursprungs, immerhin
einem Büchlein entnommen, das außerdem einige
»neue Erzählungen« des Rabbi Nachman von Bratz-
law enthält und danach betitelt ist, und nur die— mit
besondrer Freiheit umgedichtete — Geschichte vom
Haus der Dämonen gehört einem andern Bereich;
ihre vorgefundene Gestalt steht in einem der bedeu-
tendsten jüdischen Volksbücher, dem Kaw ha-jaschar
von 1705.

Die meisten der Erzählungen sind bald nach ihrer
Entstehung, 1906 und 1907, in Zeitschriften erschie-
nen, doch habe ich in dieses Büchlein nicht die Fas-
sung der Erstdrucke, sondern eine spätere Überarbei-
tung aufgenommen. »Der Todlebendige« erscheint
hier zum erstenmal.